Studienwahl unter der Lupe: Wie sich die Geistes‑ und Sozialwissenschaften entwickeln
Wie hat sich die Bedeutung der Geistes‐ und Sozialwissenschaften an Schweizer Hochschulen verändert, und welche Faktoren beeinflussen die Studienwahl? econcept ist gemeinsam mit der Schweizerischen Akademie der Geistes‐ und Sozialwissenschaften SAGW dieser Frage nachgegangen.
Ziel der Studie war es, die Entwicklung der Studierendenzahlen in den Geistes‐ und Sozialwissenschaften (GSW) nachzuzeichnen und die Beweggründe für die Studienwahl zu beleuchten. Wir stützten uns dabei auf Analysen von Daten des Bundesamts für Statistik und Interviews mit Fachpersonen aus der Berufs‐, Studien‐ und Laufbahnberatung.
Absolut wachsend, relativ schrumpfend
Absolut betrachtet hat sich die Zahl der GSW-Studierenden zwischen 1980/81 und 2023/24 von rund 18’000 auf rund 59’300 mehr als verdreifacht. Diese Zahlen sind allerdings im Kontext des gleichzeitigen Bevölkerungswachstums von 40 %, der Entstehung von Fachhochschulen Mitte der 90er-Jahre und der Bologna-Reform zu betrachten.
Der Anteil der GSW-Studierenden an der Studierendenschaft insgesamt sinkt nämlich an universitären Hochschulen seit dem Höchststand von 41 % im Jahr 2003/04 kontinuierlich; 2023/24 liegt er noch bei 29 %. Innerhalb der GSW zeigt sich, dass die Sozialwissenschaften über den ganzen Zeitraum seit 1981 wachsen, während die Zahlen bei den Geisteswissenschaften – z.B. Sprach‐ und Literaturwissenschaften sowie Historische und Kulturwissenschaften – seit rund zwei Jahrzehnten stagnieren oder rückläufig sind.
Bei den Fachhochschulen sind diese Trends nicht erkennbar – relativ betrachtet sind die Anteile der GSW-Fachrichtungen an den Gesamtstudierendenzahlen in den vergangenen Jahren weitgehend stabil.
Abwägen von Interesse und Berufsaussichten?
Für die Studienwahl in GSW massgeblich sind vor allem intrinsische Motive wie Begeisterung fürs Fach und der Wunsch, den Horizont zu erweitern. Das dürfte einer der Gründe dafür sein, weshalb die GSW die höchste Verbleibquote aller Fachbereichsgruppen aufweisen. Überdies ist in den GSW auch der Frauenanteil am höchsten.
Der relative Rückgang der Studierendenzahlen an den Unis ist vor allem durch das starke Wachstum anderer Fachbereiche zu erklären, insbesondere der mathematisch-naturwissenschaftlichen und technischen Disziplinen (MINT). Die befragten Beratungspersonen sehen MINT-Fächer aber nicht als direkte Konkurrenz: Wer sich für ein geistes‐ oder sozialwissenschaftliches Fach interessiere, lasse sich kaum zu MINT abwerben. Allerdings ist anzunehmen, dass die wahrgenommene Unsicherheit der Berufsaussichten nach einem GSW-Studium und die generell gewachsene Arbeitsmarktorientierung bei der Studienwahl die Entwicklung der GSW-Studierendenzahlen negativ beeinflussen.
Einen Ansatzpunkt zur Stärkung der GSW orten befragte Beratungspersonen in einer grössere Sichtbarkeit: Die vorhandene gesellschaftliche und praktische Relevanz geistes‐ und sozialwissenschaftlicher Fächer trete zu wenig hervor. Gerade in unsicheren Zeiten – Stichwort Digitalisierung und Künstliche Intelligenz – seien nämlich die Fähigkeit zur Reflexion und das Aushalten von Mehrdeutigkeit, wie sie in einem geistes‐ und sozialwissenschaftlichen Studium vermittelt werden, von zentraler Bedeutung.